Schulgeschichte

StÀdtische Situation

Unser Schulstandort verdankt seine Existenz dem rasanten Ausbau der Industrie am Anfang des 20. Jahrhunderts im nördlichen Stadtgebiet Dresdens. Rings um Pieschen entstanden Fabriken. Solche Unternehmen waren u.a. die “Eschebach-Werke fĂŒr Metallwaren und Möbel” (im Jahr 1900: 2000 BeschĂ€ftigte), Deutschlands grĂ¶ĂŸte Waffelfabrik der GebrĂŒder Hörmann oder die NĂ€h- und Schreibmaschinenfabrik von Clemens MĂŒller an der Großenhainer Straße 99 mit rund 1000 Arbeitern im Jahr 1900.
Die Ansiedlung der Produktionsstandorte zog einen intensiven Wohnungsbau fĂŒr Arbeiter und Angestellte nach sich. Noch heute sind die damals entstandenen Quartiere in Form geschlossener Reihen vierstöckiger MietshĂ€user in relativer Geschlossenheit vorhanden. Pieschen galt zu dieser Zeit wegen der großen Wahlerfolge sozialdemokratischer Kandidaten als “Rote Vorstadt”. 1910 zĂ€hlte Pieschen fast 33 000 Einwohner.
Schulen gab es zum Beispiel auf der BĂŒrgerstraße (erbaut 1861), der Wurzener Straße (erbaut 1879), der damaligen Moltkestraße (heute Robert-Matzke-Straße), der Konkordienstraße (erbaut ab 1860) oder der Osterbergstraße. All diese reichten jedoch bald fĂŒr die Beschulung der Kinder nicht mehr aus.

XI. BĂŒrgerschule

Auf der Wurzener Straße befand sich die XI. BĂŒrgerschule. Das GebĂ€ude besteht noch heute als Ärztehaus. Die beengten VerhĂ€ltnisse machten in diesem Fall einen Neubau notwendig. Dieser erfolgte am Rande Pieschens am Riesaer Platz (heute Pestalozziplatz) an der Kreuzung der Kanonenstraße (heute Weinböhlaer Straße) und der Großenhainer Straße weithin von immer noch landwirtschaftlich genutzten FlĂ€chen umgeben. Als Architekt fungierte Stadtbaurat Erlwein, der bis dahin schon mit bekannten Bauwerken die Dresdner Architekturlandschaft an vielen Stellen geprĂ€gt hatte. Diese Schule sollte das letzte seiner verwirklichten Projekte werden. Die Übergabe am 11. Oktober 1915 konnte er nicht mehr selbst erleben.
900 SchĂŒler und ihre Lehrer zogen an diesem Tag um 8.00 Uhr von der Schule, die ein Vierteljahrhundert ihr angestammtes Haus war, zum neuen Domizil. FĂŒr den Bau, der im Herbst 1913 begann, wurden 751.331 Mark und 67.500 Mark zu dessen Ausstattung bewilligt. Seither ist auch der große bogenartige Giebel mit der Inschrift “Die Kraft eines jeden Volkes liegt in seiner Jugend” geschmĂŒckt. UrsprĂŒnglich waren noch zwei weitere Schulen in unmittelbarer Nachbarschaft geplant, die allerdings nie entstanden. Diese PlĂ€ne ordneten sich in die damals formulierten Zielstellungen ein: weitere Ausgestaltung des Schulwesens durch die Verminderung der KlassenstĂ€rken und der Aufbau der allgemeinen Volksschule.

29. Volksschule

Mit der EinfĂŒhrung der allgemeinen Volksschulen 1927 und der damit verbundenen Auflösung der BĂŒrgerschulen sind die Schulbezirke neu eingeteilt worden. So gab es 1928 insgesamt 78 solcher Einrichtungen, die fortlaufend nummeriert waren und einen festgelegten Schulbezirk hatten. Das neue Schulgesetz sah z.B. die Bildung eines “Schulausschusses” vor. Darin sollten Eltern und Lehrer bei der Schulverwaltung mitwirken. Ebenso entstand ein Elternrat, dessen Mitglieder gewĂ€hlt wurden. Der Schulleiter wurde auf Vorschlag der Lehrerschaft auf jeweils drei Jahre vom Schulausschuss gewĂ€hlt. Die Pflichtstundenzahl der Lehrer betrug in der Regel 30 Stunden. Die SchĂŒler waren in reine MĂ€dchen- und Jungenklassen unterteilt. Die Jungen nutzten den Eingang am heutigen Pestalozziplatz, wobei die MĂ€dchen nur den Eingang an der heutigen Weinböhlaer Straße nutzen durften. So gab es einen Knaben- und einen MĂ€dchenflĂŒgel des GebĂ€udes. Alle Kinder gingen acht Jahre zur Schule und lernten dabei in Klassen, die die zulĂ€ssige Höchstzahl von 35 SchĂŒlern oft ĂŒberschritten.

Ab 1925 wurde die höhere Abteilung der Volksschule eingefĂŒhrt. Die höhere Abteilung baute auf der vierjĂ€hrigen Grundschule auf und umfasste das 5. bis 10. Schuljahr. Meist nur etwa 5 – 10% der SchĂŒler konnten auf Vorschlag der Lehrer auf der Grundlage ihrer Leistungen aufgenommen werden. Die 29. fĂŒhrte als eine von insgesamt nur 8 Dresdner Volksschulen eine höhere Abteilung. Sie schloss mit der Mittleren Reife ab. Heute noch wohl vertraute FĂ€cher, wie Englisch als verbindliche Fremdsprache und Französisch als Wahlfach wurden gelehrt. FĂ€cher, wie Nadelarbeit, Kurzschrift oder Maschinenschreiben sind aus der Mode gekommen. Insgesamt fand eine starke Abkehr von der Schule der Kaiserzeit statt, die von vielfĂ€ltigen Bestrebungen einer ReformpĂ€dagogik geprĂ€gt war.

Die schlechte wirtschaftliche Lage ab 1929 brachte auch fĂŒr die Schule eine Reihe von EinschrĂ€nkungen mit sich. Die Stundenzahl wurde wegen des Abbaus von Lehrerstellen verringert. WahlfĂ€cher und außerunterrichtliche Unternehmungen entfielen. Erstmals wurde auch in der höheren Abteilung Schulgeld erhoben.

Adolf-Hitler-Schule

Mit der MachtĂŒbernahme der Nazidiktatur wurde auch fĂŒr unsere Schule der Beginn ihres traurigsten Kapitels eingeleitet. Jegliche demokratische Schulreform wurde unterbunden. Der soziale und ethnische Rassismus hielten ebenso Einzug wie das Unterbinden der HandlungsfĂ€higkeit des gewĂ€hlten Elternrates, zumal wenn Mitglieder der kommunistischen Partei angehörten. Am weithin sichtbaren Turm unserer Schule wurde ein Hakenkreuz angebracht und der Schulname geĂ€ndert. Der Unterricht wurde wieder mit Choralgesang und Gebet begonnen. Ein Beispiel fĂŒr die ideologische Beeinflussung der SchĂŒler ist das ĂŒberlieferte Schullied jener Zeit.

Der zweite Weltkrieg hatte katastrophale Folgen fĂŒr unser Schulhaus. Ab ca. 1943 wurde es zum Notlazarett. Wahrscheinlich entstanden in diesem Zusammenhang auch die Einbauten in den Fluren um weitere RĂ€ume zu schaffen. Die SchĂŒler wurde auf andere Einrichtungen verteilt, zum Beispiel lernten in den Schulen auf der Leisniger oder der Marienhofstraße (heute Maxim-Gorki-Straße). Die Kinder hatten auch die Aufgabe, die in der Schule behandelten Verwundeten zu besuchen und mit Geschenken zu trösten.
Das Kriegsende verwandelte große Teile Dresdens in eine TrĂŒmmerwĂŒste. FĂŒr unser Schulhaus waren keine schwerwiegenden Zerstörungen zu beklagen. Deshalb zog hier die sowjetische Stadtkommandantur nach der Besetzung ein.
Die Wirren der Lazarett- und Kommandanturzeit sind wahrscheinlich Schuld daran, dass das Schularchiv aus der Zeit vor 1945 nicht mehr existiert. Die vergleichsweise wenigen bekannten Angaben entstammen hĂ€ufig Aussagen von Zeitzeugen.       

 Pestalozzischule

Am 2. September 1946 begann wieder ein Schulbetrieb im Haus. Hier sollte das neue Schulgesetz zur “Demokratisierung der deutschen Schule” vom 31. Mai 1946 umgesetzt werden. Deshalb wurde es auch zunĂ€chst als Musterschule bezeichnet. Darin waren Kindergarten, Grundschule 1. – 8. Klasse) und Oberschule einbezogen. Insgesamt besuchten 1500 SchĂŒler (!) unsere Schule (heute ca. 750). 29 Alt- und 18 Neulehrer begannen mit der Arbeit. Um dem neuen Charakter der Schule Ausdruck zu verleihen erhielt sie den Namen Pestalozzischule. Der Aufbau der Oberschule war insoweit abgeschlossen, dass am 8. Juli 1950 die ersten Abiturienten entlassen werden konnten.
Am 1. Januar 1951 wurden Grund- und Oberschule getrennt. Zwei Schulleitungen und Kollegien arbeiteten ab diesem Zeitpunkt hier. Daraus entwickelten sich spÀter die 29. Polytechnische Oberschule Arthur Ullrich (Zusatzname ab 17. April 1971) und die Erweiterte Oberschule Pestalozzi.

Die in der DDR geschaffenen Strukturen und Organisationen hatten auch auf unsere Schule entsprechende Auswirkungen. “Pionierorganisation” und “Freie Deutsche Jugend” prĂ€gten das schulische Leben ebenso wie Hans-Beimler-WettkĂ€mpfe und Jugendweihe als Instrumente zur ideologischen Beeinflussung der SchĂŒler.
Auch wenn immer wieder durch AktivitĂ€ten von Lehrern, Eltern und SchĂŒlern versucht wurde, das Aussehen des GebĂ€udes zu verbessern, verfiel es doch zunehmend. Teilweise stammten technische Einrichtungen immer noch aus der Entstehungszeit.

Pestalozzi-Gymnasium

Mit dem gesellschaftlichen Wandel ab 1990 wurden auch Überlegungen zur Umgestaltung der Schullandschaft angestellt. In Anlehnung an bekannte Schularten der Bundesrepublik plante man zunĂ€chst die Bildung einer Gesamtschule, da insgesamt die Klassenstufen 1 bis 12 im Haus vorhanden waren. Sehr bald brach sich aber der Gedanke zur Bildung eines Gymnasiums Bahn. Die Existenz der 29. POS endete mit dem Schuljahr 1990/91. Damit auch die Tradition einer Schule unter dieser Nummer, die 1927 begonnen hatte und im Bewusstsein vieler Dresdner verankert ist.
Mit Beginn des Schuljahres 1992/93 wurde das Gymnasium auf der Grundlage des SÀchsischen Schulgesetzes offiziell eingerichtet und arbeitet seither mit seiner mathematisch-naturwissenschaftlichen AusprÀgung.
Eine einschneidende VerĂ€nderung brachte die Sanierung in den Jahren 1996 bis 1999. Mit einem Aufwand von ĂŒber 6,5 Mio. DM wurde das Haus in einen Zustand versetzt, an dem nicht nur Baumeister Erlwein seine Freude hĂ€tte. Es genĂŒgt auch den Anforderungen an einen moderne Schulbetrieb. Der im Jahr 2001 fertiggestellte Turnhallenneubau des SV Motor Mickten brachten endlich auch fĂŒr den Sportunterricht die entscheidende QualitĂ€tsverbesserung.



Quellen:

  • Chronik der Pestalozzischule, handschriftliches Unikat
  • Pestalozzi-Gymnasium Dresden, Jahrbuch Nr. 1, 1992/1993, KK & Druck und Werbung GmbH, Ruhland, 1993
  • Annette Dubbers-Mittag, Pieschen, Aus der Geschichte eines Dresdner Stadtteils, herausgegeben vom Umweltzentrum Dresden e.V. und “pro Pieschen” e.V., Stoba Druck GmbH, 2001
  • Dresdner Geschichtsbuch 6, herausgegeben vom Stadtmuseum Dresden, Druckerei zu Altenberg GmbH, 2000
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